Lokales
Das verlassene Wartehäuschen, das als Bibliothek ein zweites Leben fand
Nachdem die Buslinie verlegt worden war, blieb das leere Wartehäuschen zurück. Anwohner füllten es mit Büchern und einem einfachen Tauschzettel und machten aus einer übersehenen Ecke einen Treffpunkt für die Nachbarschaft.
Seit die Busse umgeleitet wurden, war das Wartehäuschen nur noch eine ungenutzte Ecke der Straße. Die Bank stand weiter unter einem verblichenen Fahrplan, und das Dach bot niemandem mehr Schutz.
An einem Wochenende schraubte eine Anwohnerin ein paar Bretter an die Rückwand und stellte einige gebrauchte Romane darauf. Bald hing daneben eine handgeschriebene Einladung: Nimm ein Buch und lass ein anderes für den nächsten Leser da.
Die Idee kam schneller an, als irgendjemand erwartet hatte. Innerhalb weniger Wochen wurden aus den Brettern richtige Regale, gezimmert aus Holzresten von einem Nachbarn mit einer Garage voller Werkzeug. Im untersten Fach tauchten Bilderbücher auf, gut erreichbar für kleine Hände. Jemand stellte eine Dose mit Lesezeichen dazu, jemand anderes eine Plastikbox, damit die Kochbücher trocken bleiben.
Eine Haltestelle ohne Busse, aber mit vielen Besuchern
Außer dem Zettel gibt es keine Regeln und niemanden, der zuständig ist – und genau das scheint den Reiz auszumachen. Krimis stehen neben Gartenratgebern, Gedichtbände neben alten Reiseführern voller Routen, die heute niemand mehr wiedererkennen würde. Ab und zu kommt ein Buch mit einer versteckten Nachricht für den nächsten Leser.
Das Beste am Wartehäuschen seien aber nicht die Bücher, sagen die Nachbarn, sondern die Gespräche. Menschen, die jahrelang wortlos aneinander vorbeigingen, bleiben jetzt stehen, um einen Roman zu empfehlen oder freundschaftlich über ein Ende zu streiten.
Der alte Fahrplan hängt noch immer an der Wand. Jemand hat unten mit Filzstift eine Zeile ergänzt: Nächste Ankunft – wann immer Sie bereit sind.